Der Stoff, aus dem die Mythen sind

Fahrt der Griechischschüler nach Würzburg ins Mainfrankentheater

Die Griechisch-Schüler vor der Skulptur „Die Entführung der Europa“ im Residenzgarten

„Singe, o Göttin, den Zorn des Achilles!“ Was? Wer ist zornig? Und warum? Und weshalb soll eine Göttin davon singen? Worum es geht? Um nichts Geringeres als um den Beginn der Literatur Europas. Um Homer und seine Ilias. In diesem Epos, einer Art Roman in Versen, das vor ca. 2700 Jahren entstand, geht es um den berühmten Trojanischen Krieg. Aber nicht um die gesamten zehn Kriegsjahre, schon gar nicht um das Trojanische Pferd. Nein! Es geht um den stärksten und besten Krieger der Griechen: Achill. Genauer gesagt um seinen Zorn. Um diese Geschichte zu erzählen, wendet sich der Dichter zu Beginn an eine Muse. Die göttlichen Musen begleiteten den Künstlergott Apollo und inspirierten die Poeten zu ihren Werken. Zornig aber ist Achill auf seinen Feldherrn Agamemnon. Denn Agamemnon muss – so will es Apollo – eine erbeutete Sklavin an den Feind zurückgeben und verlangt dafür Ersatz – natürlich von Achill. Der fühlt sich absolut gedemütigt und verweigert von da an die militärische Unterstützung der Griechen. Es geht also um Macht, Ehre, Kränkung, Egoismus und mangelnde Führungskompetenz. Beide Protagonisten – Agamemnon und Achill – lassen sich mehr von Emotionen als von der Vernunft leiten. Und Hunderte von griechischen Soldaten verlieren infolgedessen ihr Leben. Wem kommt da nicht der Gedanke an so manchen zeitgenössischen Staatschef in den Sinn, dem es trotz zahlreicher gegenteiliger Beteuerungen vermutlich auch nicht so sehr um das Wohl seiner Bürger als vielmehr um sein eigenes Ego geht? Erstaunlich, wie aktuell der Auftakt der europäischen Literaturgeschichte noch heute ist! 

Das hat man offensichtlich auch am Würzburger Mainfrankentheater erkannt und den ersten Gesang der Ilias – sozusagen ihren ersten Band – dramatisch in Szene gesetzt. Unsere Griechischschüler der 8a durften am 21. Mai an einer Aufführung des Stücks teilnehmen, die sich exklusiv an ein Schülerpublikum richtete. Beeindruckend war nicht nur der Inhalt, sondern auch die ausdrucksstarke schauspielerische Leistung, durch welche die antike Geschichte mehr als lebendig wurde. Im Anschluss an den Theaterbesuch machten wir noch einen Abstecher ins Martin-von-Wagner-Museum in der Residenz, wo zahlreiche griechische Vasen mit ihrer vielfältigen Bemalung die Kultur der Antike anschaulich vor Augen führen. Im Hofgarten der Residenz entdeckten wir noch zwei überlebensgroße Steinskulpturen aus der griechischen Sagenwelt: Hades raubt Persephone und Europa wird von dem stiergestalteten Zeus entführt. Dass die Namensgeberin unseres Kontinents vom höchsten Gott der Griechen persönlich gegen ihren Willen von der Ostküste des Mittelmeers nach Kreta gebracht wurde, lässt tief blicken. Doch es verbergen sich hinter der gewaltsamen Entführung in der Sage vermutlich tatsächliche kulturelle Einflüsse des Nahen Ostens auf Europa. Spannend, was die alten Griechen so alles zu bieten haben!

A. Engel